In Deutschland kommen jährlich rund 48.000 Babys zu früh – also vor der 37. Schwangerschaftswoche – zur Welt. Obwohl sich die Chancen für diese Neugeborenen durch die moderne Medizin gravierend verbessert haben, ist jede Frühgeburt ein gesundheitliches Risiko für das Kind und zumeist eine große Belastung für die ganze Familie.
Deshalb sollten alle Faktoren, die eine Frühgeburt begünstigen, so weit wie möglich ausgeschlossen werden.
Zu den bekannten Risikofaktoren zählen u.a. Erkrankungen der werdenden Mutter: Diabetes, Störungen der Schilddrüsenfunktion, Nierenerkrankungen und Bluthochdruck sind hier zu nennen.
Grundsätzlich stellt außerdem jeder Entzündungsherd im Körper der Schwangeren ein Risiko dar. Häufig unterschätzt werden von den Frauen die Auswirkungen, die auch von Entzündungen im Mundraum ausgehen können.“
Die Parodontitis, also die Entzündung des Zahnhalteapparates, wird ausgelöst durch Bakterien, die sich an Zähnen und Zahnfleisch festsetzen und sich dort stark vermehren können. Der Körper setzt zur Abwehr Signalstoffe, so genannte Zytokine, gegen die Bakterien und deren Gifte ein. „Zytokine sind kurzlebige, von Zellen produzierte Proteine, die eigentlich der Steuerung der Immunreaktion des Körpers dienen, sich aber auch beschleunigend auf die Steuerung des Geburtszeitpunktes auswirken können“, so Niesert. „Über den Blutkreislauf der Mutter gelangen sie in die Blutversorgung der Plazenta. Die mögliche Folge: das Wachstum des Ungeborenen verzögert sich, vorzeitige Wehen setzen ein und es kann zu einer Frühgeburt mit zu niedrigem Geburtsgewicht kommen.“ Obwohl man den genauen Wirkungsmechanismus noch nicht vollständig erforscht hat, geht man aufgrund internationaler Studien davon aus, dass bei einer unbehandelten Parodontitis der Mutter die Wahrscheinlichkeit einer Frühgeburt bzw. eines untergewichtigen Kindes etwa siebenmal höher ist.
Leider findet man gerade bei Schwangeren oft Entzündungen im Mundraum vor, denn durch die hormonelle Umstellung verändert sich die Mundflora, und die Anfälligkeit für Parodontitis steigt.
Die Schwangerschaft bewirkt u.a. eine allgemeine Gefäßerweiterung sowohl von Arterien als auch von Venen sowie eine gesteigerte Durchblutung aller Organe. Hiervon ist auch das Bindegewebe des Mundraumes betroffen.
Das Zahnfleisch quillt auf und das Eindringen von Bakterien wird erleichtert. Früher gingen Schwangerschaften daher häufig mit Zahnverlusten einher. Glücklicherweise ist dies heute nur noch selten der Fall.
Entzündungen im Mundraum treten aber immer noch bei ca. 40 bis 80 Prozent aller Schwangeren auf. Zahnfleischbluten, besonders beim Putzen der Zähne, ist ein typisches Zeichen dafür. Oberbeckmann: „Aus Angst vor weiterem Bluten reduzieren viele Frauen dann die Mundhygiene, was die Sache nur schlimmer macht. Auch wenn das Zahnfleisch blutet, sollten die Zähne weiterhin wie gewohnt geputzt werden und auch auf den Einsatz von Zahnseide sollte nicht verzichtet werden.
Viele der durch Parodontitis ausgelösten Schwangerschafts-komplikationen könnten verhindert werden, wenn die Frauen neben den gynäkologischen Vorsorgeuntersuchungen auch regelmäßig zahnmedizinische Check ups durchführen ließen.
Frauen sollten rechtzeitig vor einer geplanten Schwangerschaft ihren Zahnarzt aufsuchen und ihre Gesundheit im Mundraum kontrollieren zu lassen, da die Behandlung einer Parodontitis mehrere Monate dauern kann.
Während einer Schwangerschaft ist die Sicherstellung der Mundhygiene unbedingt erforderlich. Die tägliche Zahnpflege zu Hause muss optimiert und ernst genommen werden. Regelmäßige zahnmedizinische Kontrolluntersuchungen sollten selbstverständlich sein. Denn nur so kann eine mögliche Entzündung im Mundraum frühzeitig entdeckt und behandelt werden.